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Notwendigkeiten

14 Dez

In einem meiner früheren Leben war ich, für ca. 5 Jahre, mal als Schiedsrichter aktiv, durchaus erfolgreich und überwiegend hat dies auch recht viel Spaß gemacht. Die meiste Zeit davon war ich natürlich dank meines eigenen, jugendlichen Alters im Jugendbereich unterwegs.
Einer dieser Einsätze führte mich damals zu einer Begegnung zwischen den beiden C-Jugend-Mannschaften des VfL Leverkusen und dem entsprechenden Nachwuchs des 1. FC Köln und blieb in meiner Erinnerung deswegen haften, weil ich dort den unfassbarsten, weil unnötigsten Elfmeter zu sehen bekam (und diesen dann natürlich auch pfeifen musste).
Leider kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen welche Mannschaft es genau war, aber auf jeden Fall war es ein Eckball, der von der linken Seite in den Strafraum geschlagen wurde. Dieser Eckball gelangte allerdings direkt zu einem Abwehrspieler der ihn daraufhin in Richtung Mittelfeld klärte. Plötzlich allerdings stieg aus dem Gewühl kurz vor der Strafraumgrenze ein anderer Spieler hoch und gab dem Ball mit der Hand einen zusätzlichen Stoß. Blöd nur eben, dass der Spieler zur verteidigenden Mannschaft gehörte. Ich war dermaßen perplex, dass es noch so zwei, drei Sekunden gedauert haben dürfte, bis ich selbst realisierte, was da geschehen war, um dann eben zu pfeifen und auf Strafstoß zu entscheiden. Der Elfmeter wurde dann natürlich verwandet, aber ob es tatsächlich einen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang des Spiels hatte, daran kann ich mich leider nicht mehr wirklich erinnern. Es blieb eben lediglich diese unfassbar unnötige Aktion hängen, die zu dem Elfmeter führte.

Zum heutigen Bundesligaspiel des VfB Stuttgart in Mainz lassen sich für mich nun gleich zwei Brücken schlagen.

Die eine Brücke ist eine eher persönliche. Denn während meiner Zeit als Jungschiedsrichter war ich natürlich auch an der Linie bei Seniorenspielen aktiv und dort unter anderem auch zwei Saisons in der Verbandsliga bei einem sehr talentierten Schiedsrichter – der heute nachmittag beim Spiel in Mainz an der Seitenauslinie vor der Gegentribüne im Einsatz war und bis auf eine große Fehlentscheidung in Sachen Abseits in Halbzeit 2 alles richtig gemacht hat.

Die zweite Brücke ist natürlich leichter zu schlagen und geht natürlich über die offensichtliche, weil spielentscheidende Szene, über die jetzt die ganze Bundesligawelt spricht: Lehmanns Tätlichkeit gegen Bancé, die zum Elfmeter geführt hat, der dann den Ausgleich und zwei verlorene Punkte bedeuteten. Und für mich einen dicken Hals der von hier bis nach London reicht.

Tatsächlich war ich in dieser Saison, glaube ich, noch bei keiner unserer zahlreichen Niederlagen und Remis derart sauer, wie es heute abend der Fall war. Klar, frustriert, enttäuscht und verärgert war ich in dieser Hinrunde schon zuhauf nach dem Schlusspfiff in VfB-Spielen – aber derart wütend und sickig war ich tatsächlich noch nicht. Denn es ist mir einfach vollständig unbegreiflich, wie ein Spieler, der die Erfahrung von fast 400 Bundesligaspielen sowie zahlreichen internationalen Einsätzen auf dem Buckel hat, sich derart verhalten und den -unfassbar wichtigen- Sieg der eigenen Mannschaft aufs Spiel setzen kann.

Wenn Lehmann als Torwart einen Spieler foult, der gerade aufs Tor zuläuft, foulen muss, dann kann ich das ja noch nachvollziehen, aber wenn er in einer Situation, wo er selbst den Ball sicher hat und einen Gegenangriff einleiten könnte, dann eine persönliche Rache an Bancé vollziehen muss, dann ist das einfach nur unsagbar dämlich und aus meiner Sicht auch für den Verein, der einen Sieg heute dringend nötig gehabt hätte, eigentlich nicht hinnehmbar.

Bislang habe ich mich ja doch meistens aus sportlicher Sicht vor Lehmann gestellt und ihn selbst heute während des Spiels noch meinen Eltern gegenüber verteidigt mit den Worten: „Er ist zwar sicherlich ein Arschloch, aber er ist eben unser Arschloch.“
Das war nach der Szene, in der er sich die Schulter hielt, nachdem ihn Ivanschitz im Vorbeilaufen leicht touchierte.

Circa 20 Minuten später will und kann ich das so nicht mehr sehen, sondern würde jetzt vielmehr dafür plädieren, Lehmann gar nicht mehr einzusetzen. Ich mein, die Saison ist eh fürs Klo und mit den internationalen Plätzen werden wir dieses Jahr wohl kaum noch etwas zu tun haben. Von daher können wir jetzt ruhig mal experimentieren und schauen, ob es mit Ulreich vielleicht hinhaut. Für den Klassenerhalt sollte es auch mit ihm sicherlich reichen, schließlich kann er uns auch nicht viel mehr Punkte kosten, als ein Lehmann in dieser derzeitigen Gemütsverfassung, bei der man fast vermuten muss, dass er in dieser Woche ganz schwer an seinem Karriereende bastelt. Denn schon seine Aussagen unter der Woche (die mit Sicherheit nicht ganz ohne einen wahren Kern waren, aber doch eben für einen Arbeitgeber auch nicht hinnehmbar) waren alles andere als fördernd für eine weitere gemeinsame Zukunft – von seiner Weigerung die Geldstrafe zu bezahlen, mal ganz zu schweigen.

Aber, eben, ich habe mittlerweile doch auch kein Problem mehr damit, wenn Lehmann sich nun aufs Altenteil begibt und ein paar Hubschrauberflugstunden nimmt oder was auch immer er so gerne machen möchte.

Tja, und nun haben wir fast 800 Wörter geschrieben, aber so gut wie noch gar nichts über das Spiel an sich.

Aber das Problem ist halt leider, dass die Riesenkrawatte, die ich jetzt habe, alles andere überschattet. Und zudem das Spiel an sich eben leider auch kein so richtig gutes war. Und zudem leider auch wieder so ablief, wie sonst fast immer und es dementsprechend auch nicht viel mehr zu beschreiben gibt, als ich es ohnehin schon zu Dutzenden Spielen in diesem Halbjahr geschrieben habe: Gut begonnen, diesmal sogar wieder mit einem frühen Tor, und dann im Laufe der Spieldauer immer weiter nachgelassen bis es dann eben zum Lehmannschen Fallout kam.

Abgesehen von diesem bekannten, generellen Nachlassen hatte ich aber heute eigentlich nicht das Gefühl, dass es schief gehen würde. Zwar stand der VfB in der zweiten Halbzeit nicht mehr ganz so stark in der Defensive, wie noch im ersten Durchgang, wo man eine wirklich konzentrierte Defensivleistung ablieferte, aber man hatte dann doch auch nicht direkt das Gefühl, dass die Mainzer Offensive genügend Gefährlichkeit besitzen, um das Tor tatsächlich zu machen. Dann gab es aber eben erst die Aktion, wo Bancé in überflüssigem Maße Lehmann attackierte (und dafür nicht mal Gelb bekam) und dann halt leider das andere doofe Ding, was zum Elfmeter führte.

Eine negative Erwähnung muss zum Abschluss leider auch noch Pogrebnyak bekommen. Schön, dass er das Tor mal wieder getroffen hat (nach toller Vorarbeit von Boka, der insgesamt wieder eine gute Leistung ablieferte), aber in der zweiten Halbzeit schien er irgendwie erschreckend unmotiviert. Trottete weitestgehend herum und erhielt dann als Höhepunkt noch beinahe einen Platzverweis für ein sehr unnötiges, überhartetes Einsteigen gegen Polanski. Da hätte aus meiner Sicht Gross eigentlich früher reagieren müssen und ihn gegen Cacau oder Schieber austauschen.

Zum Schluss noch ein Wort zu Bancé:
Oscarverdächtig!