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Heißer Tanz im Glaspalast

7 Jan

Alle Jahre wieder …..gönne ich mir einen kleinen, aber feinen Ausflug nach Sindelfingen. Dort findet immer in der ersten Januarwoche eines der größten – nicht Wenige  sagen auch das bestbesetzte – Hallenturnier Deutschlands statt. Über 150 Mannschaften verschiedener Alters- und Leistungsklassen kämpfen eine Woche lang um Ruhm, Ehre und Pokale. Eingebettet in dieses Megaturnier, ausgerichtet vom VfL Sindelfingen und dem GSV Maichingen, findet an zwei Tagen der Mercedes Benz Junior Cup statt.

Ein wirklich bemerkenswertes Turnier, in dessen Vergangenheit schon solch illustre Namen wie Arsenal London, Celtic Glasgow, Galatasaray Istanbul, Zenit St. Petersburg, Ajax Amsterdam, uvm. teilnahmen. Die Liste der Spieler komplett aufzuzählen, die dort auftraten und später zu nationalen und internationalen Stars wurden, würde den Rahmen sprengen. Bakari Sagna, Steven Pienaar, Mario Gomez, Nuri Sahin, Manuel Neuer, Stephan Henchoz, Raphael Wicky, Simon Rolfes, Sami Khedira, Mesut Özil, Valentin Stocker, Eren Derdiyok, Tim Borowski, Johann Vogel seien an dieser Stelle stellvertretend genannt. Auch für einige bekannte Trainer war der JuniorCup ein Sprungbrett: Ralf Rangnick, Jens Keller (beide für Stuttgart), Thomas Schaaf (Werder), Carlos Dunga (Gremio Porto Allegre), Michael Skibbe (Bayer 04) – sie alle coachten schon in Sindelfingen.

Hochkarätiges Teilnehmerfeld

Immer acht U19-Mannschaften aus dem In- und Ausland kämpfen um die begehrte Trophäe im mittlerweile etwas  in die Jahre gekommenen Sindelfinger Glaspalast. Die diesjährigen Teilnehmer waren

VfB Stuttgart
AZ Alkmaar
Lech Posen
Hertha BSC Berlin

in Gruppe A und

Bayer 04 Leverkusen
FC Basel
Dinamo Zagreb
SC Freiburg

in Gruppe B. Parallel zu den Juniorenteams der Bundesligavereine ermitteln  auch die großen Mercedeswerke, wer denn nun die beste Werksmannschaft stellt. Dieses Jahr konnten die Lokalmatadore aus Sindelfingen zum neunten Mal den Pokal in die Höhe stemmen, bei der insgesamt 21. Auflage eine beachtliche Leistung. Die U19 des zweiten „Lokalmatadors“ VfB Stuttgart startete gestern souverän in das Turnier, gewann gegen Alkmaar und Berlin je 1:0 und begnügte sich im letzten Gruppenspiel gegen Lech Posen mit einem torlosen Remis. Erstmals aufhorchen ließ die Truppe des kürzlich noch in der Bundesliga aktiven Co-Trainers Jürgen Kramny dann im ersten Spiel der Zwischenrunde, als man Vorjahressieger Bayer 04 Leverkusen mit 4:0 abfertigte. Der VfB startete bissig und dominierte die Leverkusener, die sichtlich beeindruckt nicht mehr als ein besserer Sparringspartner waren. Schon nach fünf Minuten brachte Patrick Bauer den VfB mit 1:0 in Führung. Danach ging es Schlag auf Schlag: Alexander Riemann erhöhte in der achten Minute auf 2:0, ehe Raphael Holzhauser nach einem schönen Solo per Flachschuss das 3:0 erzielte. Manuel Hegen markierte wenig später den 4:0-Endstand.

In der zweiten Gruppe dominierten die Breisgau-Brasilianer das Feld mit dem bekannten Kurzpassspiel und einem sehr agilen und treffsicheren Stürmer namens Tasli. Aber auch die Rasselbande aus Zagreb, 2008 noch Cupsieger (mit einem gewissen Zvonimir Soldo an der Bande) spielte einen gepflegten Ball. Wie immer natürlich unterstützt von ca. 150-200 BadBlueBoys, die mächtig Rabatz machten und teilweise eine achtstündige Anfahrt auf sich nahmen.

U19 VfB Stuttgart

Die Truppe beim Warm-Up

Viel Prominenz am zweiten Tag

Hertha BSC Berlin lief in der Zwischenrunde zu großer Form auf (gecoacht vom CL-Sieger René Tretschok und Ex-VfB-Spieler Ante Covic) und sicherte sich verdient einen Platz im Halbfinale. Der VfB Stuttgart, der SC Freiburg und Bayer 04 komplettierten das Feld. Im Halbfinale kassierten die  Stuttgarter ihr erstes Gegentor im Wettbewerb, mühten sich schliesslich gegen Hertha zu einem 3-2 nach 9m-Schiessen (Keeper Wieszt hielt gleich drei Penalties) und warteten auf den SC Freiburg, der sich mit einem knappen, aber verdienten 1:0 (Knockout kurz vor Schluss) gegen die Werkself durchsetzte.

In der Pause vor den Finalspielen sorgte ein Einlagespiel der F-Jugenden von Maichingen und Sindelfingen für großes Amüsement in der Halle. Die Kurzen, kaum bandenhoch, lieferten sich einen erbitterten Fight, trennten sich letztlich jedoch friedlich 0:0. Trotz der fehlenden Tore ein absolutes Highlight.

Das Spiel um den dritten Platz gewannen die Hauptstädter in einem müden Kick ebenfalls sehr knapp mit 1:0 gegen Leverkusen, ein satter Distanzschuss sorgte für die Entscheidung.  Das Finale erfüllte dagegen alle Erwartungen in der völlig ausverkauften Halle. Unter den Augen der geballten Fußballprominenz (Weltmeister Guido Buchwald, Ralf Rangnick, Schirmherr Oliver Bierhoff und last, but not least the Lichtgestalt himself, Franz Beckenbauer) legten die Breisgauer los wie die Feuerwehr und gingen verdient  in Führung. Der VfB kontrollierte fortan das Geschehen, war jedoch immer anfällig für die überfallartigen Konter der Freiburger. Nach feiner Kombination über Jonas Halder und Kapitän Pascal Breier narrte der österreichische Juniorennationalspieler Kevin Stöger die komplette Freiburger Hintermannschaft und netzte per Hacke ein – Madjer ließ grüßen.

Mit dem Remis ging es in die Verlängerung, in der die Stuttgarter erneut beste Chancen nicht nutzen konnten und auch die Konterattacken der Breisgauer nicht zu Toren führten. So kam es erneut zum Shootout vom Punkt. Die Freiburger Spieler behielten in einem packenden Neunmeterschießen die Nerven und holten sich mit einem 5:4-Erfolg zum ersten Mal den Turniersieg.

Siegerehrung

Siegerehrung mit Beckenbauer, Zweiter von links ist der MVP Kevin Stöger, © vfb.de

Auszeichnung für Kevin Stöger

Kapitän Pascal Breier stemmte schließlich den Pokal des ersten Verlierers in die Höhe, den er aus den Händen von Franz Beckenbauer entgegennahm.  Ein weiterer VfB-Akteur konnte sich ebenfalls freuen  -  Kevin Stöger wurde zum besten Spieler des 21. Mercedes-Benz Junior Cup 2011 gewählt und folgte damit Raphael Holzhauser, dem besten Spieler 2010.

Neben MVP Stöger, Alex Riemann, Patrick Maurer und Jonas Halder vom VfB ließen noch weitere Spieler aufhorchen.

Five Players to watch:

Kristijan Jajalo (Dinamo Zagreb)

Jerome Kiesewetter (Hertha BSC Berlin)

Oguzhan Tasli (SC Freiburg)

Kevin Luckassen (AZ Alkmaar)

Granit Xhaka (FC Basel)

Alle Infos rund um das Turnier gibts hier: Homepage

Bilder von beiden Tagen gibts hier: Frankys Stadionpics

El Pibe

Die UEFA-Europa League – ein Plädoyer

10 Nov

Hallo. Mein Name ist Philipp. Ich bin 31 Jahre alt, glücklich liiert und stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Und doch gibt es da etwas, was  mich umtreibt, mich bewegt, ja wie ein Stachel tief in meinem Fleisch sitzt. Ich gehöre einer Minderheit an.  Ich bin einer von denen, auf die man mit dem Finger zeigt, über die man hinter vorgehaltener Hand kichert und platte Witze reißt.  Ich bin ein Fan der UEFA Europa-League. So richtig.  Hoffentlich erklären die folgenden Zeilen meinen Irrweg ein wenig und ich kann dem geneigten Leser meine gravierende Fehlentwicklung glaubhaft darlegen. Ist alles ernst gemeint, versprochen!

Ausflug in die Historie

Die UEFA Europa League, wie wir sie heute kennen, fand ihren Ursprung einst im „Messestädte-Pokal“.  Diese erst  im Jahre 1971 eingestellte Konkurrenz, in der Teams als Vertreter von Handelsmessestädten gegeneinander spielten, gilt als Vorläufer des heutigen Wettbewerbs. In der Saison 1971/72 rief die UEFA dann den UEFA-Pokal ins Leben. Im Unterschied zum Messestädte-Pokal konnten hier Teams aus allen Mitgliedsländern und jeglichen Orten teilnehmen. Zudem wurde die Teilnahme von der Ligaposition abhängig gemacht. Doch der Wettbewerb erfuhr noch weitere Modifikationen. Seit dem Spieljahr 2003/04 findet nach der ersten Runde eine Gruppenphase statt. Bis auf diese Gruppenphase wird der Wettbewerb weiter im K.-o.-System durchgeführt. Nach der Saison 2008/09 erfolgte eine Umbenennung des UEFA-Pokals. Die UEFA Europa League war geboren. „Rebranding“ nennt man das heutzutage bei den „Wintersportlern  von SKY “ (© Günter Hetzer)…..doch der neue Name inklusive zeitgemäßes Logo und allerlei multimedialem Schnickschnack war noch nicht alles – auch der Modus wurde erneut modifiziert. Die Gruppenphase, die ab diesem Zeitpunkt den Beginn des Hauptwettbewerbs markierte, wurde nicht nur von 40 auf 48 Mannschaften erweitert, zusätzlich wurden die Gruppen auch von fünf auf vier Vereine pro Gruppe verkleinert, die fortan je zweimal gegeneinander antreten. Zuvor hatten die fünf Mannschaften nur je einmal gegeneinander gespielt. Waren bis dato die besten drei einer Gruppe weitergekommen, so qualifizieren sich ab der Saison 2009/10 die zwei Gruppenbesten für die nächste Runde.

Auswärtsfahren für Fortgeschrittene

Ich persönlich mag die Europa League. Ich mag sie wirklich sehr. Das hat einerseits damit zu tun, dass meine erste große Auswärts-Fahrt mit meinem Vater eben ein EL-Spiel war, was mich einfach stark geprägt hat, wie ich heute weiß (Royal Antwerpen, 1989/90, eine bittere  0:1 Niederlage, Tor: Lehnhoff). Als Steppke war das etwas Besonderes, Großes; staunend marschierte ich an Vaters Hand durch belgische Straßen und wich den Urinbeuteln und anderem Unrat aus, mit denen uns die freundlichen BelgierInnen empfingen. Sicher, das mag jetzt der ein oder andere befremdlich finden, liest sich auch komisch, geb ich zu. Nichtsdestotrotz war ich infiziert. Der Virus hatte mich endgültig gepackt.

Andererseits übt die Champions League, der stark verwässerte zweite Wettbewerb der UEFA, in der angeblich ja nur „die Besten“ gegeneinander antreten, auf mich einfach kaum einen Reiz aus. Natürlich bekommt man da die größeren, populäreren Teams als Gegner zugelost, sicherlich ist der finanzielle Anreiz deutlich größer, selbstverständlich ist man für ein paar Stunden Teil der „Biggest F****n Show on Earth“. Stimmt alles, muss ich zugeben. Aber damit einher geht eben auch eine brutale Kommerzialisierung, der Sport ist Nebensache, es zählt nur die Show, das große Event. Ist nicht jedermanns Sache.

Die Europa League ist mittlerweile selbstverständlich  auch ohne Ende „durchgestylet“. Die UEFA bemüht sich nach Kräften, den Status des Wettbewerbs aufzupolieren  und „wertiger“ zu machen, wo es nur geht.  Leider fruchten die Bemühungen nur bedingt, die aufgeblasene Champions League überstrahlt alles, die Europa League sinkt weiter in der Gunst der Anhänger. Trotzdem ist der Reiz für mich ungebrochen. Ich stehe auf kleine, ranzige Stadien, interessante Reiseziele/Städte, in die ich sonst wohl nie reisen würde, nichtalltägliche Gegner, Grillgerüche hinter der Tribüne, Sonnenblumenkern-knabbernde Heimfans. Ist so, wirklich!

Torcida Split - Hajduk Split vs MSK Zilina 2009

Eines der schönsten Spiele der letzten Jahre war ein EL-Qualispiel in Kroatien, Hajduk Split vs. MSK Zilina. Die Torcida (Ultras von Hajduk) am kochen, die Kurve brennt, das altehrwürdige „Poljud“-Stadion – obwohl bei Weitem nicht ausverkauft –  bebte 90 Minuten lang. Cevape auf die Hand, keine Plastikgeld-Promoter im weiten Rund, keine vermummten Staatsdiener und die, die da waren adriatisch entspannt…herrlich!

Ist meine Argumentation unsachlich? JA!

Beruht sie eher auf Emotionen, denn auf Fakten? SICHER!

Ist mir das egal? ABER SOWAS VON!

Die Zeit wird es zeigen

Es bleibt zu hoffen, dass die umtriebige französische Ikone ihren  bisherigen Weg weiter stringent verfolgt. Das weiterhin viele Teams mit klangvollen Namen in der CL-Quali scheitern oder aufgrund einer Schwächephase in der nationalen Liga automatisch EL spielen. Das man als Verein  irgendwann mal mit EL-Teilnahmen mehr einnimmt als bei Auftritten im DFB-Pokal.  Und insbesondere:  Es sollten mehr kleine Jungs wie ich damals an der Hand ihrer Väter mit Urinbeuteln beworfen werden.  Scheint eine immense Wirkung zu entwickeln…

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.

El Pibe

Tschubby-Tschubby

1 Okt

Bitte was? Gut, da sollte ich wohl etwas weiter ausholen…..ist noch gar nicht so lange her, da musste ich diesen Begriff ständig hören. Mein damaliger Coach benutze ihn geradezu inflationär. Es war sein ganz persönliches Synonym für „HackeSpitze123“ oder besser gesagt „Schönspielerei“. Mit dieser nämlich, so seine Meinung, gewänne man keinen Blumentopf. So weit, so korrekt.  Auch wir hatten damals eine Mannschaft, die man ganz gut mit dem VfB dieser Tage vergleichen konnte. Der Kader war ausgewogen und gut zusammengestellt, die Mischung aus jung und alt passte und wir waren in der Lage, einen gepflegten Ball zu spielen. Doch sehr zum Leidwesen unseres Coaches verließen wir uns zu oft eben genau darauf. Vernachlässigten Grundsätzliches, wie hohe Einsatz-und Laufbereitschaft, Zweikampfhärte, taktische Disziplin. Und verloren. Verloren Spiele gegen Gegner, die wir noch eine Saison zuvor vom Allerfeinsten zerlegt hatten. Und der Trainer tobte…..“Hört endlich auf mit Tschubby-Tschubby, verdammt nochmal!“ – die Kabinenwände wackelten, ich denke, das muss ich nicht weiter ausführen.  Nun denn – es kam der Tag, an dem der Schalter umgelegt wurde.

Auch beim Verein für Schönspielerei Bewegungsspiele  1893 e. V. scheint dieser Tage etwas Ähnliches passiert zu sein. Keine Ahnung was da am Montag gesprochen wurde oder ob der Koch im Vivaldi noch etwas von Alberto Contadors Fleischlieferung übrig hatte – der Mannschaftsabend scheint gefruchtet zu haben. Wenn Mauro Camoranesi plötzlich seine Position hält und in 90 Minuten nicht einmal den Ball mit der Hacke spielt; wenn Christian Molinaro trotz bösem Tritt auf die Zähne beißt und sich ohne zu Murren für die Truppe reinhaut; wenn Christian Gentner auf dem Flügel sein mMn bisher bestes Spiel seit seiner Rückkehr aus der Autostadt macht; wenn Cacau endlich mal gegenüber dem Unparteiischen und seinen Mitspielern die Schnauze hält und versucht sein Spiel zu spielen; wenn Ciprian Marica einem vertändelten Ball hinterher wetzt und ihn sich in der eigenen Hälfte wieder zurückholt; wenn Neuzugänge bei ihrer Premiere aufspielen, als wären sie schon immer da gewesen; wenn die ganze Mannschaft mit dem Siegtorschützen an der Seitenline jubelt – dann darf man mit Fug und Recht behaupten, dass es „Klick“ gemacht zu haben scheint.

Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!

Der VfB festigte gestern die Tabellenführung in der Europa League, er baute sie dank der Berner Schützenhilfe sogar aus. Sicher, das ist immer eine Momentaufnahme und ja, der Gegner war nicht der Stärkste – aber das zählt heute alles nicht. Denn die hochbezahlten Kicker haben sich – imho erstmals in dieser Saison – auf das Wesentliche beschränkt/konzentriert. Unter hohem Druck, wohlgemerkt. Solide Hausmannskost, wenn man so will. Die Positionen wurden gehalten, jeder hat sich auf seine Aufgabe konzentriert und beschränkt, Wille, Biss, Teamgeist  – all das wurde abgerufen.  Klar, ein kleiner Wackler war dabei, als man sich nach einem Einwurf wie eine Schülermannschaft hat überrumpeln lassen und den Ausgleich hinnehmen musste. Liegt momentan einfach drin, muss man so hinnehmen. Aber die Moral stimmte und schlussendlich hat man das Spiel hochverdient gewonnen. Wenn (ja, ich weiß, der gute alte Konjunktiv) es die Mannschaft nun endlich schafft, dies alles Spiel für Spiel auf den Platz zu bringen, dann wird es peu á peu aufwärts gehen. Man wird nicht vor Rückschlägen gefeit sein, das kann und vor allem darf man nicht erwarten. Aber diese werden die Mannschaft nicht mehr aus der Bahn werfen.

Vor einige Wochen schrieb ich in einem Forum, Frankfurt werde die Initialzündung. Der eigentliche Saisonstart. Gestern (so hoffe ich, sonst muss ich [erneut] zu Kreuze kriechen) wurde ich eines Besseren belehrt.

El Pibe

Déjà-vu

23 Sep

Ich kann mir nicht helfen – irgendwie erinnert mich die momentane Situation doch sehr deutlich an den Saisonstart der letzten Runde. Damals war man ebenso rumpelig in den Spielbetrieb gestartet, hatte sich im Pokal mehr schlecht als recht gegen unterklassige Gegner durchgesetzt, war passabel in den internationalen Wettbewerb gestartet und hatte den Ligastart versaut. Auch damals rotierte der Trainer viel. Babbel einst aus dem Fehlglauben heraus, sein Kader würde dies als Herausforderung annehmen, Gross dieses Jahr mehr oder minder notgedrungen, aufgrund des verspäteten Einsteigens der WM-Fahrer und der vielen Verletzten.

Auch damals gab es ein Spiel nach dem die Anhänger wie auch die Verantwortlichen dachten, jetzt wäre der Knoten geplatzt und man hätte endlich das wahre Gesicht der Mannschaft gesehen. Der Gegner waren die völlig indisponierten Adler, am Samstag schlugen die Fohlen im Neckarstadion auf. Frankfurt wurde letztes Jahr 3:0 geschlagen, Gladbach mit 7:0 pulverisiert. Im Waldstadion schoss einst Baumschüler Schieber zwei Tore. Jener Schieber, der auch gestern erfolgreich war. Nur leider im falschen Trikot. Irgendwie scheint es en vogue zu sein, dass Ex- Spieler (oder verliehene) gegen uns treffen. Gestern Schieber, im Breisgau Schuster nach Vorarbeit von Heiko Butscher, im letzten Jahr ist mir da noch das peinliche Pokalaus in Fürth in Erinnerung, als Ex-Amateur Bernd Nehrig die Kleeblätter mit seinem Tor eine Runde weiter brachte. Wenn ich noch ein wenig recherchieren würde, fände ich bestimmt noch mehr Ehemalige, die in den letzten 24 Monaten gegen uns genetzt haben.  Ferner werde ich heute noch nen Zwanni drauf setzen, dass Rudy gegen uns trifft.

Auf das Spiel gestern möchte ich gar nicht mehr allzu lange eingehen – und schon ganz gewiss nicht auf den Referee, dem die Springerpresse die Schuld an der gestrigen Niederlage in die Schuhe schieben will. Die Mannschaft hat wie schon gegen Freiburg, Mainz, Babelsberg und Dortmund dieselben Schwächen offenbart: Ein zentrales Mittelfeld, das völlig neben der Spur ist und nicht in der Lage zu sein scheint, unserem Spiel die nötigen Impulse zu geben. Keine Ordnung auf dem Platz, kaum zielstrebige Angriffe, beide Außenbahnspieler ziehen permanent in die Mitte und stehen sich auf den Füßen rum, Alibi-Flanken aus dem Halbfeld, et cetera pp. Eigentlich dachte ich nach den Spielen gegen YB und Gladbach, wir wären schon einen Schritt weiter. Nun denn, so kann man sich irren. Nürnberg hat sich nach der frühen Führung geschickt zurückgezogen und mit Mann und  Maus verteidigt – das allein reichte aus, um uns zu knacken. Weil wir nicht in der Lage waren, unsere Überlegenheit in Torchancen und Tore umzumünzen und weil zwei individuelle Fehler dem Gegner zwei Tore ermöglicht haben. Niedermeier macht die Gasse nicht zu und lässt Schieber ziehen, Camoranesi schlägt eine völlig unmotivierte Pseudoflanke in die Mitte, für die dir jeder Kreisligacoach die Rübe abreißt. 2 Chancen – 2 Tore. Bravo. Den Pfosten-Streichler von Ekici unterschlage ich mal…

Quo vadis?

Hier enden nun die Parallelen. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass wir keine solche Hinrunde erleben werden wie noch letzte Saison. Klar, die Personalsituation ist nicht die beste (Gebhart musste angeschlagen runter, Youngster Didavi fällt wohl länger aus, Degen und Audel brauchen auch noch). Der Coach war mega-stinkig gestern und wird die richtigen Worte finden, soviel ist sicher. Der hat so gekocht das ich befürchtete, der zieht der armen Bibiana gleich das Fell über die Ohren. Ferner glaube ich auch, dass die Mannschaft sich sehr wohl bewusst ist, dass sie in der Bringschuld ist. Letztes Jahr waren die O-Töne ganz andere, die Situation wurde lange schön geredet oder schlicht verkannt. Heuer hört man viel Selbstkritisches vom Wasen.

Die beiden kommenden Gegner bieten nun die Chance zu Wiedergutmachung und wir haben die Möglichkeit, uns das gerade gewonnene und postwendend wieder abgeschenkte Selbstvertrauen und die Stabilität zurück zu holen. Leverkusen plagen arge Verletzungssorgen, Odense dümpelt in der Liga und hat erst vor wenigen Tagen den Coach geschasst.  Mit einer konzentrierten Leistung und voll besetztem Haus zum Wasenauftakt werden die Jungs die Punkte holen – ganz sicher.

El Pibe

Die Neuen 2010/11 (8): Mamadou Bah

9 Sep

Kurz vor Ende der Transferphase und aufgrund der Partien zuvor, die alle mehr oder weniger „durchwachsen“ waren (um es mal vorsichtig auszudrücken), hat der VfB Stuttgart die Notwendigkeit erkannt, seinen juvenilen und unerfahrenen Kader (Durchschnittsalter OHNE Camoranesi 25,8 Jahre) nochmal mit Erfahrung und Qualität zu verstärken. Es kam der italienische Gaucho Mauro Camoranesi, zu dem @hirngabel schon alles gesagt hat. Auch an Mladen Petric, in Hamburg anscheinend in Ungnade gefallener Stürmer, waren die Verantwortlichen interessiert und haben nach eigener Aussage „bis zuletzt um ihn gekämpft“. Leider wurde es nichts, zu den Nachwehen dieser Posse möchte ich aber hier an dieser Stelle keinen Kommentar mehr verlieren. Lohnt einfach nicht.

Etwas untergegangen ist eine weitere Verpflichtung, die an diesem Tage realisiert wurde. Aus Strasbourg, vom leider in der Versenkung verschwundenen Traditionsclub Racing, kam Mamadou Bah für ~ 600.000 Euro. Die Summe erklärt wohl auch ein bisschen, warum dieser Verpflichtung bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Was kann der schon können, ein Billigheimer von einem französischen Zweitligaabsteiger?? So ungefähr der Tenor der sich in den Foren austobenden Anhängerschaft, die geradezu nach großen Namen gierte. Ferner ist der Spieler wohl auch nur absoluten Experten/Scouts bekannt gewesen. Beides jedoch muss nichts heißen – und sagt auch nicht wirklich etwas über die Qualität des Spielers aus. Allerdings darf man konstatieren, dass alle Spieler, die in jüngster Vergangenheit aus Frankreich zu uns kamen, durchaus zu überzeugen wussten. Gut, Farnerud lassen wir mal unter den Tisch fallen. Aber Christophe Rempp (Scout für FRA & BeNeLux) macht einen guten Job, soviel ist sicher.

Mamadou Bah

Mamadou Bah © VfB Stuttgart 2010

Leider habe ich trotz längerer Recherche keinen elsässischen Blogger gefunden, der mir Informationen liefern konnte, drum versuche ich jetzt einfach, ein wenig Licht uns Dunkel zu bringen. Bedient habe ich mich dabei den einschlägigen Quellen und seiner eigenen (?) Homepage http://www.bahmamadou.com/ .

Mamadou Diouldé Bah (181cm, 75kg) kommt aus dem westafrikanischen Guinea und ist damit nach dem Diplomatensohn Pablo Thiam der zweite Spieler aus diesem Land beim VfB. Bah kam am 25.04.1988 in der Hauptstadt Conakry zur Welt und ist aktueller Nationalspieler seines Landes. Sein Debüt gab er beim Africa Cup of Nations 2008 gegen Ghana. Vor Kurzem erst war er auch wieder für sein Land im Einsatz. Seine Geschichte ist typisch, man hat sie in verschiedensten Variationen schon oft gelesen. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, seine Eltern sind strenggläubige Muslime und schickten ihren Sohn auf die örtliche Koranschule – was auch gleich zu Problemen führte. Denn Fußball, so wurde es ihm gelehrt, sei was für Faulenzer und sowieso „Haram“. Seine Eltern, insbesondere seine Mutter, die mit einem kleinen Marktstand das Familieneinkommen einbrachte, wollten ihren Sohnemann nicht kicken gehen lassen. Unterstützung gab es keine, weshalb sich Mamadou die Moneten für Ausrüstung etc. selbst erarbeiten musste. Über verschlungene Pfade kam er zu Friguiagbé FC und erst als er dort Stamm spielte und die ganze Nachbarschaft voll des Lobes über „das größte Talent des Landes“ war, gaben seine Eltern ihre ablehnende Haltung auf. Es dauerte nicht lange, und er wurde von französischen Scouts bei einem Jugendturnier entdeckt und umgehend von Racing verpflichtet, wo er in der Spielzeit 2006/07 vorerst in der zweiten Mannschaft im Championat de France Amateur zum Einsatz kam. 2008 folgten dann seine ersten Einsätze in der Ligue 1, aus der Strasbourg am Ende sang- und klanglos abstieg. In der zweiten französischen Division avancierte Bah dann zum absoluten Stammspieler im zentralen Mittelfeld. Sein kompromissloses, aggressives Spiel (trotzdem nur 5 gelbe Karten 2009/2010) gefiel den Fans und auch seine Statistiken wussten zu gefallen. So war er laut lequipe.fr in der abgelaufenen Saison der zweikampfstärkste defensive Mittelfeldmann der Liga und erarbeitete sich in 29 Spielen 2 Tore und 2 Vorlagen. Nichtsdestotrotz stieg Racing ab und so trennten sich die Wege. Es gab mehrere Interessenten, u.a. Blackpool FC, die Rovers aus Blackburn und AJ Auxerre aus Frankreich. Bah selbst tendierte laut eigener Aussage wohl zu einem Engagement in England, letztlich konnten ihn aber Bobic und Schneider vom VfB überzeugen.

Soviel also zur Herkunft des Spielers und der Entstehungsgeschichte des Transfers. Doch warum wurde er eigentlich geholt? Immerhin haben wir für die Zentrale schon vier Spieler, die sich die beiden Rolle teilen (Träsch und Funk den defensiven Part der Doppelsechs, Kuz und Gentner den offensiven), auch Neuzugang Camoranesi kann beide Rollen problemlos spielen. Und hat Trainer Gross nicht immer wieder betont, wie sehr er auf druckvolles Flügelspiel steht und dass er auf diesen Positionen zu wenig Spieler hat? Dazu hat man noch Walch abgegeben, also einen Mann, der prädestiniert für das Flügelspiel ist?  Neu-Manager Bobic sprach bei der Vorstellung des Spielers von „noch mehr Alternativen im Mittelfeld“, die man künftig haben werde. Das ist natürlich korrekt, legt einem aber auch zwei Schlüsse nahe:

1)      Rekonvaleszent Elson (Reha nach Kreuzbandriss) spielt nun wirklich gar keine Rolle mehr. Auch er hat schon (neben Hitz damals, wenn ich nicht irre) diese Rolle gespielt. Sein Vertrag läuft im Juni 2011 aus.

2)      Man scheint Talent Funk, immerhin Ex-Kapitän der Amateure und U-Nationalspieler, den ganz großen Sprung dieses Jahr noch nicht zuzutrauen. Was ich persönlich sonderbar finde, denn Funk hat in allen Teileinsätzen bisher auf der ganzen Linie überzeugt.

Ein weiteres „Problem“ – dadurch, dass Bah EU-Ausländer ist, kann man ihn auch nicht bei den Amateuren in Liga 3 einsetzen. Spielpraxis zu bekommen, könnte also schwierig für ihn werden. Vielleicht ereilt Bah also ein ähnliches Schicksal wie Georges Mandjeck, der nach mehreren Leihen abgegeben wurde und letztendlich (scnr) nichts weiter als eine reine Cashcow war?

Wie dem auch sei – das ist alles ziemlich spekulativ. Trotzdem kann ich mir auf diesen Transfer nicht wirklich einen Reim machen. Warten wir es einfach ab und hoffen, dass Bah wider Erwarten überzeugt und bald aktiv seinen Beitrag leisten wird.

Etwas anderes bleibt uns ja sowieso nicht übrig.

el pibe

Nachtrag: Der Spieler hat die Nummer 24 bekommen.

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