Archiv | April, 2011

Schlaflos in Stuttgart

9 Apr

Bruno Labbadia schläft pro Nacht nur „vier, fünf Stunden“, so kürzlich in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung, mehr gesteht er sich im Abstiegskampf nicht zu. Aber was raubt ihm denn den Schlaf? Der müde Auftritt seiner Stuttgarter gegen die Wolfsburger, die mit Muntermacher Magath antraten, oder ist es das albtraumhafte, rumspukende Schreckgespenst des Abstiegs, das sich in seine Träume schleicht?

Aber was treibt Labbadia denn des Nachts um? Es sind zwei Dinge, die Labbadia aufschrecken lassen in der Nacht. Ähnlich wie in E.T.A. Hoffmanns gleichnamigen Werk taucht sein frühes Trauma in Gestalt des Sandmanns auf, um ihm soviel Sand in die Augen zu reiben, damit diese blutig werden und herausfallen. Das Auge als Blick in die Seele offenbart die Not Labbadias, die ihm nach guten Erfolgen in den unteren Spielligen zwei Engagements in Leverkusen und Hamburg bescherten, die aber aufgrund von völliger Sprachlosigkeit zwischen Team und Trainer beide auf dieselbe Art endeten und noch lange nachwirkten (So war es das erklärte Ziel der Leverkusener in dieser Rückrunde, nicht die Stuttgarter, sondern Labbadia zu besiegen!). So fühlt er noch nicht den Schlaf der Gerechten, sondern fürchtet die Wiederkehr des Immergleichen mit den immergleichen Fehlern– Bill Murray winkt mit dem Murmeltier. Wie führt man langfristig und erfolgreich eine Mannschaft, wenn der bisherige Umgang mit der Mannschaft jegliche Sozialkompetenz und Einfühlungsvermögen vermissen lässt und ein neues kommunikatives Wirken – inklusive Gute-Nacht-Hupferl – gefunden werden muss. Und wie erprobt ist das neue System des Senders und des Empfängers? Hier den Ton, der die Musik macht, zu finden, um beide Äuglein zu schließen, ist Labbadias Schlüssel zu seinem erholsamen Schlaf.

Das Trauma des Sandmanns geistert schon länger in Labbadias Kopf herum, aber akuter ist das tägliche Schlafdefizit: Das Team ist noch nicht in der Phase, dass es für den Trainer ein Ruhekissen darstellen könnte. Auf allen Positionen sind Schwierigkeiten festzustellen, die es nicht ermöglichen, ein funktionierendes Team – die vielbeschworene Einheit – zu bilden. Die Problematik mit dem Mann zwischen den Pfosten bereitet dem Trainer keine schlaflosen Nächte mehr, aber die Flügel zeigen sich von einer anfälligen Überläufigkeit, Molinaro völlig von der Rolle und rechts hinten der Aushilfsverteidiger Träsch, der im Mittelfeld deutlich wertvoller ist oder der noch nicht an die Liga gewöhnte Celozzi, der doch sehr wechselhaft das Feld hinten rechts beackert. So vermögen die Außen nicht, das in sich unstimmige Mittelfeld zu entlasten: Zahlreiche Verletzungen lassen kein eingespieltes Mittelfeld wachsen, kaum Neuzugänge, die einschlugen und die Mannschaft voranbrachten und ein großes Loch, welches durch Khediras Abgang entstand und nur mühsam gestopft werden konnte. Erst die Winterzugänge (Hajnal, Okazaki) versprechen hier eine leichte Verbesserung. Die mangelnde Unterstüztung aus der Mitte lässt den Sturm verhungern, der sich nicht als der treffsicherste erwiesen hat. Labbadias Sorgenfalten, die ihn nur einen kurzen Schlaf gönnen, komplettiert ein Sturm, der sich als nicht durchschlagkräftig erweist, was man an der Torjägerliste ablesen kann. Der Fehleinkauf Marica ist aussortiert, aber ein Cacau schleicht über den Platz, ein Pogrebnyak bemüht, aber ungelenk und die Bank weist keine gleichwertigen Alternativen auf. Ein Lichtblick bietet der immer kämpferische Harnik. Es zeichnet aber kein gutes Bild, wenn dieser durchschnittliche Spieler mit zu den Besten und Vortrefflichsten gehört.

Insgesamt ist die Mannschaft auf Sand gebaut: Zusammensortiert von den Vorgängern passen die Puzzleteile der Mannschaft nicht zusammen. In dieser Saison konnte sich keine Achse, kein Rückgrat der Mannschaft bilden. Delpierre als Kapitän zu ruhig und mit unverständlichen Aussetzern (man denke an die rote Karte von Frankfurt), Cacau ein Schatten seiner selbst und überfordernd wirkend, Gentner als Neuling nicht akzeptiert genug und auch vom Typ her nicht der Kommunikator, der die Mannschaft führt. So wird weiter nach der Instanz auf dem Platz gesucht.

Labbadias wird diese Schlaflosigkeit bis in den Mai fortsetzen müssen, ab dann gilt es, den Verein für Bewegungsspiele in das lang ersehnte Ruhekissen zu verwandeln, die dem Hotelgast Labbadia eine längere Nacht gönnt. Möglich kann dies nur werden, wenn Labbadia und Bobic, der in seinen Interviewäußerungen bisher teilweise in alte Profimanieren zurückgefallen ist (z.B. Reporter anschnauzen) und dessen bisherige Transferpolitik Licht (Okazaki, Hajnal) und Schatten (Camoranesi; was war das mit Petric?) aufwies, eine langfristige Konzeption verfolgen (es wird wohl Labbadias letzte Chance als Bundesligatrainer sein, länger als ein Jahr bei einem Verein zu arbeiten!) und aus dem Flickwerk der Vorgänger ein ausgewogenes Mannschaftsgefüge erschaffen und damit in eine befriedigend verlaufende Saison startet. Dies ist die nächste beruhigende Schlaftablette für Labbadia: Die Ansprüche der Fans wie des Vorstands müssen den Gegebenheiten angepasst werden. Der VfB ist mit seinem Kader und seinem Etat ein Kandidat für das Mittelfeld der Bundesliga. Bei glücklichen Umständen ist ein Erreichen der Euro-League möglich, ansonsten stehen magere Jahre ins Haus. Ebenso muss sich das Umfeld von dem Märchen der „Jungen Wilden“ verabschieden, dass ein Jungstar nach dem anderen dem hauseigenen Internat entwächst und sofort in der Bundesliga einschlägt. Es darf hier kein Sand in die Augen gestreut werden, der aus überzogenen Ansprüchen besteht, sondern vielmehr eine realistische Einschätzung der Mannschaftsstärke muss Einkehr halten.

All diese Punkte verheißen das beste Schlafmittel für Labbadia zu werden, damit er endlich seinen gesunden Schlaf findet. Ich wünsche eine Gute Nacht!

 

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